Geschichten aus der Medizin - Das Studium zwischen Lehrbuch und Lebensrealität
- Anastasia

- vor 4 Tagen
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Das Medizinstudium gilt als anspruchsvoll, prestigeträchtig und irgendwie geheimnisvoll. Viele Nicht-Mediziner:innen stellen sich darunter vor allem lernende Menschen mit Kaffeebecher, Augenringen und lateinischen Fachbegriffen vor. Das stimmt – aber eben nicht nur. In diesem Beitrag möchte ich typische, manchmal absurde Situationen aus meinem Medizinstudium schildern und einen ehrlichen Einblick geben, wie sich dieses Studium im Alltag wirklich anfühlt.
Lernen wie ein Vollzeitjob
Lernen hört im Medizinstudium nie wirklich auf. Es gibt immer noch eine Struktur, noch einen Stoffwechselweg oder noch eine Erkrankung, die man zumindest „schon mal gehört haben sollte“. Es ist völlig normal, an einem Nachmittag mehr Fakten zu lernen, als andere Studiengänge in einer ganzen Woche vermitteln. Oder es zumindest zu versuchen. Manchmal werden lange Nachmittage in der Bibliothek auch lieber bei einem Kaffee mit Freund:innen verquatscht.
Anatomie - der menschliche Körper
Für viele Aussenstehende klingt Anatomie spektakulär. Für Studierende bedeutet sie vor allem konzentriertes Arbeiten, viel auswendig lernen und eine sehr nüchterne Sicht auf den menschlichen Körper. Die anfängliche Überwindung weicht schnell einer sachlichen Routine. Typisch ist der Moment, in dem man merkt, dass Gespräche beim Mittagessen plötzlich Themen wie Nervenbahnen oder Organe enthalten – sehr zur Irritation von Freund:innen, die nichts mit Medizin zu tun haben.
Ein neues Zeitgefühl
Zeit wird im Medizinstudium anders gemessen: nicht in Tagen oder Wochen, sondern in Vorlesungen, Lernplänen und Prüfungsphasen. Feiertage verlieren an Bedeutung, während der Abstand zur nächsten Klausur plötzlich wichtiger wird als der Wochentag oder die Uhrzeit. Montage fühlen sich an wie Sonntage, Sonntage wie ganz normale Lerntage. Gelernt wird zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten – früh morgens, spät nachts, manchmal mit, manchmal ohne echten Plan. Und nicht gelernt wird allerdings ebenso konsequent zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten, meist begleitet von einem schlechten Gewissen, das leise im Hintergrund mitläuft.
Prüfungen - von Zebras und Kolibris
Prüfungen sind im Medizinstudium allgegenwärtig. Kaum ist eine geschafft, taucht die nächste bereits am Horizont auf. Sie folgen ihrer ganz eigenen Logik – und bringen ihre eigenen Rituale mit sich: bestimmte Stifte, bestimmte Sitzplätze, die richtigen Snacks. Manche Lerninhalte scheinen nie geprüft zu werden, andere tauchen gefühlt in jeder Klausur wieder auf – die sprichwörtlichen Zebras und Kolibris. Typisch ist das Gefühl, nach einer Prüfung gleichzeitig alles vergessen zu haben und sich dennoch sicher zu sein, mindestens eine Frage überhaupt nicht verstanden zu haben. Und trotzdem geht es weiter, von Prüfung zu Prüfung, immer mit der Hoffnung, jede Prüfung zu bestehen.
Covid - zwischen Lockdown und Podcasts
Die Covid-Zeit fiel mitten in meine Studienjahre – und stellte alles auf den Kopf. Hörsäle verstummten, stattdessen füllten aufgezeichnete Vorlesungen, sogenannte Podcasts, unseren Alltag. Die Bibliothek blieb verschlossen, ein Ort, der sonst vor Leben summte. Praktika wurden verschoben oder ganz abgesagt, weil Hausarztpraxen nur eingeschränkt arbeiteten und Operationstrakte heruntergefahren wurden. Also verlagerten wir unser Studium ins Wohnzimmer: Wir trafen uns bei jemandem zuhause, saßen um Küchentische herum und lernten gemeinsam, zwischen Kaffeetassen und Unsicherheit. Viele Studierende übernahmen zusätzlich Verantwortung und arbeiteten nebenbei im Krankenhaus, um dort auszuhelfen, wo Pflegepersonal dringend fehlte. Es war eine Zeit zwischen Stillstand und Ausnahmezustand – fordernd, prägend und unvergesslich.
Fazit - das Medizinstudium als prägende Erfahrung
Das Medizinstudium bewegt sich ständig zwischen Lehrbuchwissen und Lebensrealität. Es ist geprägt von Lernplänen, Prüfungen und einem besonderen Zeitgefühl, aber auch von spontanen Kaffeepausen, absurden Momenten und Situationen, die man erst im Rückblick richtig einordnen kann. Zwischen Anatomiesaal, Wohnzimmer-Vorlesungen und Krankenhausalltag entsteht ein Studium, das weit mehr ist als reines Auswendiglernen.
Diese Geschichten zeigen, dass Medizin nicht nur aus Fakten, sondern auch aus Erfahrungen besteht – aus Unsicherheit, Zusammenhalt und dem langsamen Hineinwachsen in eine Rolle mit großer Verantwortung. Das Studium fordert viel, manchmal zu viel, formt aber zugleich den Blick auf Menschen, Zeit und das eigene Durchhaltevermögen. Und genau in diesem Spannungsfeld zwischen Wissen und Wirklichkeit liegt vielleicht das, was das Medizinstudium so herausfordernd und gleichzeitig so prägend macht.




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